Die Produktionsjahre zwischen den beiden Weltkriegen - Seite 2

Mit dieser Entscheidung hat das Deuzer Unternehmen bewiesen, dass es wichtig ist, in einer solchen Krisensituation Mensch und Werk zusammenzuhalten und gemeinsam für die Zukunft des Familienbetriebes einzutreten. Dieses gestärkte Gemeinschaftsbewusstsein zusammen mit den vielen anderen Maßnahmen zur Verbesserung der Wettbewerbslage - als die wichtigste sei nur die Ermäßigung der Frachttarife der Kleinbahn um 15% zu erwähnen - drückte sich dann am Jahresende auch positiv im Geschäftsbericht aus (vgl. dazu: Überblick über die Entwicklung der Produktion, des Umsatzes und der Zahl der Arbeitskräfte seit 1919 und Zusammenstellung über den Kundenkreis von 1927-1933, ARCHIV).

Der Ausbau des Werkes wurde fortgesetzt. Da der Platz in der Gießerei sehr beengt war, wurde eine Querhalle an die Westwand der Gießerei gebaut. 1926 erstand die Firma einen gebrauchten Drehrostgenerator und zusätzlich eine sehr moderne Schruppmaschine für die Walzendreherei. 1927 musste auf Anordnung der Gießereiberatungsgesellschaft ein neuer Kupolofen, der auf eine Stundenleistung bis zu 8 t erhöht wurde, gebaut werden. Zugleich errichtete man einen neuen Flammofen und stattete die Dreherei mit einer Schleifmaschine für Kalanderwalzen, einer Fräsbank und einer Drehbank mit Motorantrieb aus. Hinzu kamen 1928 noch zwei gebrauchte Drehbänke, eine Fräseinrichtung speziell für Walzen nach Indien sowie ein 20-t-Laufkran für die Gießerei.

[Die internen Diskussionen über die Leitung der Werke I und II gehen auch 1929 und 1930 weiter. Zwischen den Werksleitern Raym und von Gumpert kommt es zu schriftlichen und mündlichen Auseinandersetzungen, die sogar bis an die Öffentlichkeit dringen. Über diese und andere Missstände informieren Protokolle aus den Beiratssitzungen.

Darin wird unter anderem der dauernde Wechsel von unzureichend fähigen Betriebsleitern und der damit verbundene hohe (Material) Ausschuss (15,1% in Werk II) bemängelt. Zum anderen wird festgestellt, dass sich nicht alle baulichen Veränderungen und Neuanschaffungen von Maschinen (etwa der Kokillenschuppen) vorteilhaft ausgewirkt haben. Die wirtschaftliche Lage des Betriebes und mögliche Verbesserungsmaßnahmen werden in den Sitzungen weiterhin kontrovers diskutiert.

Einerseits waren umfangreiche Neuanschaffungen besonders in Werk II nötig - insbesondere ein Flammofen, eine Schleifmaschine sowie eine neue Drehbank für Werk I und eine Bohrmaschine, eine Hobelmaschine sowie eine Karusseldrehbank für Werk II - andererseits machten sich die Vorteile der Anschaffungen erst geraume Zeit später bemerkbar, so dass die finanzielle Lage nach wie vor angespannt war.]

Trotz der geringen Auslastung dieser wirtschaftsschwachen Jahre, in der eine von über 300 auf 200 Beschäftigte reduzierte Belegschaft gut die dreifache Menge, also 7500 t, an Fertigfabrikaten leisten könnte (gegenüber 2500 t vor dem 1. Weltkrieg und 100 t im Jahre 1876), wird 1928 weiter ausgebaut: Ein zweiter Kupolofen nach dem Freiengrunder Verfahren wird gebaut, die vorhandenen Öfen mit modernen Messgeräten versehen, alle bisherigen Trockenkammern modernisiert und fünf weitere hinzugebaut. Neben der Gicht errichtete man ein Transformatorenhaus und zur Lagerung von Kokillen einen Fachwerkbau. Im Jahre 1929 wurden 255 Arbeiter beschäftigt.

Seit Februar 1930 wurde im Hartgusswerk dauernd mit Verlust gewirtschaftet. Raym und Häseler werden für sechs Monate beurlaubt. Albert Irle übernimmt die Oberleitung im Hartgusswerk, das geschlossen werden soll, falls weiter mit Verlust gearbeitet wird.

Einen kleinen Aufschwung verzeichnete das Geschäftsjahr 1930 dennoch: 250 Beschäftigte stellten 4800 t Fertigwalzen her. Dieser leichte Anstieg mag vielleicht der Anlass gewesen sein, dass sich die Firma Irle im August mit 30% an der italienischen Firma F.O.B. ("Fonderie Ofizine Bergamask...??"), Bergamo mit beteiligte, indem sie das technische Personal und die Bearbeitungsmaschinen stellte. Am 22. November erfolgte der erste Guss.

Der ehemalige Leiter des Hartgusswerkes, Willibald Raym, wird 1931 technischer Leiter der Firma F.O.B. Bergamo. Friedel Klein übernimmt die Leitung des Hartgusswerkes unter der Oberaufsicht von Günther von Gumpert und Albert Irle, nachdem Raym am 7. September 1931 endgültig als Geschäftsführer ausgeschieden war.

Während es der Abteilung II durch das Einholen neuer Aufträge zeitweise etwas besser ging, ließ sich die Talfahrt der Abteilung I mangels geringer Nachfrage nach Walzen nicht mehr aufhalten. Das Werk musste stillgelegt werden; die gesamte Fabrikation, außer der Herstellung von Flammöfen, wurde nach Werk II verlegt, um wenigstens eine Abteilung voll beschäftigen zu können. In der stillgelegten Walzengießerei wurden nur noch Kalanderwalzen auf der großen Schleifmaschine bearbeitet, seitdem Kupol- und Flammofen schon seit einiger Zeit nicht mehr in Betrieb waren.

Die allgemeine Weltwirtschaftskrise mit ihrem vorläufigen Tiefstand im Jahre 1932 hinterließ bei Irle ihre Spuren. Die Aufträge und die Zahl der Beschäftigten gingen so stark zurück, dass das Deuzer Familienunternehmen wahrscheinlich zahlungsunfähig geworden wäre, wenn nicht Albert Irle persönlich gehaftet und gebürgt hätte.

Der Aufschwung Mitte der dreißiger Jahren belebte auch die beiden Deuzer Werke. Die Fertigungsstätten mussten erneut vergrößert werden, da man 1933 damit begann, Stützwalzen für Vier- und Sechsrollen zu produzieren und diese in großem Umfang zu exportieren. Besonders viel Aufträge kamen aus dem Saargebiet. Es mussten im Frühjahr 1934 zusätzlich Arbeiter eingestellt werden, um die Auftragsmenge von rund 700 Walzen noch vor der Zollerhöhung fertigzustellen. Von 1934 bis 1945 wies Irle mit 345 Personen volle Beschäftigung auf.

Die Bearbeitungswerkstatt der Dreherei wurde von 7 auf 10 m erweitert, Gießerei und Dreherei zum Teil neu gebaut. Seit 1933 wird wieder das volle Produktionsprogramm durchgeführt, wie es Anfang der zwanziger Jahre bestand. Die Beschäftigungszunahme im Geschäftsjahr 1934 betrug bis zu 35%, die Gesamtleistung stieg gegenüber dem Vorjahr auf 60%, der Gesamtausschuss ging auf 6,1% zurück.

Im November 1935 feierte Albert Irle seinen 70. Geburtstag, der zusammen mit den Feierlichkeiten zum 115jährigen Bestehen der Firma Irle geehrt wurde. Das größte Geschenk für den Seniorchef, der 1938 sein 50jähriges Dienstjubiläum im Rahmen einer großen Einweihungsfeier der 1936 begonnenen Erweiterung der Dreherei beging, war sicherlich der Aufwärtstrend seines Unternehmens in allen Bereichen. So nahm die Produktion wie auch die Zahl der Beschäftigten weiter zu. Neuanschaffungen und bauliche Veränderungen - unter anderem ein Labor bei Werk I - konnten ohne finanzielle Belastung ausgeführt werden. Die Firma Herm. Irle wirtschaftete wieder mit Gewinn.

1939 brach der 2. Weltkrieg aus, aber erst im November 1944 mussten beide Werke stillgelegt werden. Bis zur kriegsbedingten Stillegung konnte die Produktion in Werk I durch Rüstungsaufträge noch erhöht werden. In Werk II wurden Granaten gefertigt. Um genügend Granaten und Bomben herstellen zu können, werden der Firma Drehbänke zugewiesen und wegen Arbeitermangels Kriegsgefangene aus Frankreich und Belgien zugeteilt.

Am 21. Januar 1946 wird das Permit der Militärregierung zur Herstellung von Walzen und Gießereierzeugnissen erteilt. Die Produktion wird wieder aufgenommen, Demontageschäden durch Neukauf von Maschinen beseitigt und die Gießerei durch kleinere Anschaffungen verbessert.

Durch die Währungsreform im Jahre 1948 bestand allmählich die Möglichkeit, unter normalen Produktionsbedingungen zu arbeiten. Mit der Aufwertung des Geldes setzte sich die Werksleitung und die Belegschaft dafür ein, dass auf allen Gebieten die notwendigen Reparaturen nachgeholt wurden. Bis zum Jahre 1952 waren diese Arbeiten erledigt.