Die Produktionsjahre zwischen den beiden Weltkriegen

Nach dem ersten Weltkrieg ging der Absatz in beiden Werken stark zurück. Die Fabrikation von Hartguss wurde wieder aufgenommen und trotz schwankender Konjunktur aufrechterhalten. Hartgusswalzen mussten durch Stahlwalzen ersetzt und neue Anwendungsgebiete erschlossen werden, was zu einer Ausweitung der Produktion führte. Richtrollen, Farb- und Müllereiwalzen aller Art erweiterten das Produktangebot.

Erstmalig stellte man in den Werkshallen Hartgusswalzen mit eingezogenen Stahlachsen her, die in den späteren Jahren eine Spezialität des Unternehmens werden sollte.

Seit dem Jahre 1927 führt das Werk II die Bezeichnung "Hartgusswerk", nachdem es wegen der allgemeinen Rezession Anfang der zwanziger Jahre zeitweise verpachtet werden musste. Auch durch die Aufnahme neuer Produkte konnte die schlechte Beschäftigungslage nicht aufgefangen werden. Viele Mitarbeiter wurden arbeitslos oder konnten nur tageweise beschäftigt werden. Die Walzenproduktion, die bis dahin von Werk I übernommen wurde, nahm dann gegen Ende der zwanziger Jahre allmählich zu, so dass die Abteilung Hartguss wieder zum Unternehmen zurückgeholt werden konnte.

Auch personell gab es Veränderungen. Nach dem Tod von Rudolf Irle im Jahre 1922 und Otto Irle drei Jahre darauf, vertrat nur noch Albert Irle den traditionsreichen Familiennamen. In der Firma und der Deuzer Gemeinde in vielen Ämtern aktiv, leitete der Kirchenälteste und Gemeinderatsmitglied 60 Jahre lang als Geschäftsführer die Geschicke des Unternehmens. Ihm zur Seite standen neue, durch Einheirat hinzugewonnene Familienmitglieder, die sich von Facharbeitern zu qualifizierten Führungspersönlichkeiten entwickelten.

Einer von ihnen war Benno von Gumpert, der auf Wunsch seines Schwiegervaters am 1 Juli 1919 in die Firma Herm. Irle eintrat und als Prokurist mit der Fabrikation und den Bearbeitungsstätten vertraut gemacht wurde. Seine Verbindungen zur Eisenindustrie an Sieg und Lenne bis Hagen kammen ihm beim Einholen von Aufträgen zugute. Er versuchte aber auch, die guten Beziehungen zur Eisenindustrie von Rheinland und Westfalen, die Rudolf Irle auf- und ausgebaut hatte, weiterhin zum Nutzen der Firma aufrecht zu erhalten.

Benno von Gumpert, geboren am 7. November 1885 in Russisch Polen, wurde nach dem Tod von Philipp Fischer der zweite Ehemann von Rudolf Irles ältester Tochter Hedwig. Sie heirateten am 26. Mai 1919, in einer Zeit, in der das Familienunternehmen Irle auf den tatkräftigen Einsatz der neuen und alten Schwiegersöhne dringend angewiesen war. So übernahm bereits Willibald Raym, ein weiterer Schwiegersohn von Rudolf Irle, die Leitung von Abteilung II, dem Hartgusswerk. Dort machte er 1918/19 Versuche zur Herstellung von Stahlwalzen, um den nach 1918 wachsenden Anforderungen an die Walzen beim Verfahren des Kaltwalzens gerecht zu werden.

Diese Versuche brachten keine guten Erfolge, dennoch meldete Raym 1920 eine Erfindung zum Patent an, die erst später im Unternehmen bei der Herstellung von Walzen große Beachtung fand: den Schleuderverbundguss.

Im Jahre 1921 fand noch eine weitere Eheschließung zwischen dem Geschlecht von Gumpert und dem der Irles statt. Am 9. Mai heirateten Gertrud Irle, Tochter von Albert Irle, und Günther von Gumpert, Benno von Gumperts jüngerer Bruder. Am 1. März 1922 trat er als Gießereiassisstent in die Firma ein, führte seit 1926 mit seinem Schwiegervater als Mitinhaber der Walzengießerei Herm. Irle GmbH die Geschäfte. Im gleichen Jahr, am 25. August, wurde Benno von Gumpert Mitgeschäftsführer; Willibald Raym erhielt Prokura und wurde ebenfalls Geschäftsführer. Seit 1921 war Fritz Bohn in der Firma Irle beschäftigt. Zusammen mit Günther von Gumpert leitete er von 1938 an als Geschäftsführer die Firma.

Schwierige Jahre standen der Firma Irle nach 1918 bevor. Durch Abtrennung großer Gebiete vom Deutschen Reich (Teile von Schlesien, Elsaß-Lothringen usw.) gingen wertvolle Absatzgebiete verloren. Ein Beschluss der Vereinigten Walzengießereien verhinderte das Vorhaben, in Oberschlesien eine Filiale zu errichten. Rheinbesetzung und Inflation beeinflusste die wirtschaftliche Entwicklung des Deuzer Unternehmens unmittelbar. Die katastrophale Situation zwischen 1921 und 1926 machte es nahezu unmöglich, von irgendeiner Bank Kredit zu bekommen. Diese allgemein schlechten Verhältnisse trugen erst zu der hohen Verschuldung der Firma Irle bei.

1922 erhielt das Unternehmen das "Patent Weymerskirch" zur Herstellung von Hochleistungswalzen. Bereits im Jahre 1919 wurden die ersten Versuche mit diesem Patent vorgenommen, die anfangs noch ohne Erfolg blieben, sich aber in späteren Jahren zu einem Produkt mit großer Nachfrage entwickeln sollten. Die Vorteile, die das Patent Weymerskirch bot, führten zur Anfertigung besonders verschleissfester Richtrollen sowie Reduzier- und Maßwalzen mit vorgegossenen, gehärteten Kalibern. Mit diesem Patent wurden Walzen bis zu einem Durchmesser von 800 mm erzeugt, die noch vor 1919 auf 600 mm begrenzt waren.

Trotz der rückläufigen Wirtschaftslage investiert die Firma Irle weiter in Maschinen und Ausbau der Werkstätten. Mit Hilfe eines Wechselkredites in Höhe von 125.000 Mark wurde 1919 eine gebrauchte Saugmaschine von 150 PS gekauft, 1923 wird die Dreherei wieder erweitert, ein Schuppen zur Schlosserei umgebaut, ein Lagerschuppen errichtet und ein Wohnhaus für Angestellte gebaut (dazu: Entwicklung Werk II bis 1926, ARCHIV).

Gleichzeitig musste die Belegschaft aufgrund der schlechten Auftragslage auf Kurzarbeit gesetzt und Abteilung II im Frühjahr 1925 stillgelegt werden. Die gesamte Walzenfabrikation wurde nach Abteilung I verlegt. Hier fertigten 200 Arbeiter im Geschäftsjahr 1925 gerade noch 3000 t Fertigwalzen. Die Altwalzen wurden zum Zerkleinern in ein eigens dafür von der Firma Karl Roth in Neunkirchen errichtetes Fallwerk auf dem Gelände des Werkes I gebracht.

Die ungünstige wirtschaftliche Lage des Betriebes und Vorschläge zur Änderung waren Inhalt häufiger Diskussionen der Gesellschafter untereinander. Willibald Raym bekundete die Absicht, Werk I stillzulegen und die Produktion in Werk II fortzuführen, was bei den Geschäftsführern jedoch auf Widerstand stieß. Diese wollten zunächst versuchen, anhand von durchgreifenden Sparmaßnahmen und durch persönlichen Einsatz der Gesellschafter, die finanzielle Situation zu bessern. Da sich Sparmaßnahmen wie Beschränkung der Bürokräfte und Arbeiter auf ein Mindestmaß oder Einschränkungen der Reisen nicht als wirksam genug erwiesen haben, musste Werk II stillgelegt und die moderneren Maschinen in Werk I überführt werden.

Zu keinem Zeitpunkt erwägte der "Krisenstab", das Hartgusswerk zu verkaufen, da wegen der Wirtschaftsflaute kein angemessener Preis gezahlt werden könnte und eine vorübergehend ungenutzte Produktionsstätte notfalls noch als hypothekarisches Wertobjekt nutzbar werden kann. So bedenklich stellte sich die Finanzlage des Deuzer Unternehmens im Todesjahr von Mitinhaber Otto Irle dar, der 52jährig am 30. Dezember verstarb.

Größere Änderungen in personeller Hinsicht gab es im Jahre 1927, nachdem Willibald Raym als Geschäftsführer bei Irle ausstieg und Geschäftsführer und technischer Leiter des zu diesem Zeitpunkt hochverschuldeten Hartgusswerkes wurde (vgl. Ausführungen, ARCHIV). In Werk I tritt Benno von Gumpert als Geschäftsführer aus und wird Generalvertreter. Albert Irle übernahm die kaufmännische Leitung, während Günther von Gumpert am 1. April 1927 die Nachfolge seines Bruders antritt.

Benno von Gumpert erwirbt am 1. Januar 1927 eine Gießerei, die vorher in Konkurs gegangen war, und betreibt dieselbe als Gießerei und Maschinenfabrik unter dem Namen "Alsdorfer Hütte, Benno von Gumpert & Cie. GmbH, Alsdorf". Da jedoch mit Verlust gewirtschaftet wurde, stellte man den Betrieb in Alsdorf im Februar 1930 wieder ein.

Seit Anfang Januar 1927 überwacht ein eigens gegründeter Beirat die finanzielle Entwicklung der Firma Irle. Der Beirat unter dem Vorsitz von Dr. Gasters aus Mühlheim/Ruhr gibt Empfehlungen zu möglichen Sparmaßnahmen, Abschreibungen und Buchungsänderungen von verschiedenen Posten. In einer Sitzung vom 21. Februar 1927 beriet das Gremium unter anderem das Ersuchen des Werksleiters Raym, Werk II auf ihn zu übertragen. Aus einem Schreiben Rayms an die Firma Herm. Irle GmbH ging deutlich dessen Absicht hervor, Werk II unter seiner Leitung selbständig zu machen.

Der Beirat der Generalversammlung lehnte den Vorschlag mit der Begründung ab, dass ein Splittung der Werke den guten Ruf der Firma schade; um diesen Ruf nicht zu gefährden und Werk II vor dem Konkurs zu bewahren, werde man stattdessen Werk I und II fusionieren.