Die Firma Hermann Irle in Deuz

Gründung und Wachstum des Werkes I

Da eine Vergrößerung des Betriebes in Marienborn durch die zu gering gewordene Wasserkraft und räumliche Ausdehnungsmöglichkeit behindert war, ergriffen die zwei Söhne des Johannes Irle, Jakob und Karl die Gelegenheit, durch Ankauf der Silber- und Bleihütte in Deuz selbständiger und unabhängiger zu produzieren. Den Ausschlag gab, neben anderen bereits erwähnten wirtschaftsgeographischen Gründen, der Bau der Sieg-Lahn-Straße über Deuz zur Siegquelle. Die Brüder errichteten in unmittelbarer Nähe dieses neuen Verkehrsweges das Werk I, die heutige Walzengießerei und -dreherei Herm. Irle, Deuz.

Jakob Irle aus seinen Erinnerungen:

"Die Roheisenproduktion in Marienborn nahm indessen immer mehr zu, deshalb mußte die Ware aus dem Cupolofen gegossen werden. Zum Polieren der Öfen waren wir nur auf ein oder zwei 2 Schleifwerke angewiesen und konnten nur langsam liefern, weil auch Joh. Fr. Achenbach daselbst ihre Öfen polieren ließen. Dagegen hatten Engelh. Achenbach selbst zwei Schleifwerke in Betrieb. Letztere kauften den Hammer in Buschhütten und verlegten ihre Gießerei und Schleiferei mehrenteils dahin bei einem guten Wassergefälle.
Da mußte denn auf eine neue Schleiferei gesonnen werden, die nach Deuz auf meine eigenen Kosten zu verlegen gedachte. Eines Sonntags im Jahre 1847 ging ich mal nach Deuz und besah mir die alte Blei- und Silberhütte nebst dem schönen Wassergefälle und hörte, daß die Hütte seit ca. 23 Jahren stillgestanden und verkäuflich sei."

(Original liegt im Archiv der Fa. Irle)

Jakob Irle, der aus Marienborn bei Siegen kam, wo seine Vorfahren seit vielen Jahren an einem Hochofen beteiligt waren und eine Eisengießerei betrieben hatten, brachte die Produktion in den bis 1847 stillgelegten Werksanlagen wieder in Gang. Am 14. Juli 1848 erteilte die Abteilung für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen im Ministerium für Handel Gewerbe und öffentliche Arbeiten eine offizielle Genehmigung, die bisherige Deuzer Blei- und Silberhütte in eine Eisengießerei umzuwandeln. Die alte Eisengießerei in Marienborn lief bereits unter dem Namen Hermann Irle. Die ersten Versuche zum Guss von Walzen liegen vor der Zeit der Übersiedlung nach Deuz und fanden ihre spätere Verwendung u.a. in der Textilindustrie.

Nachdem nun die Konzession vorlag, eine Eisengießerei zu betreiben, wurden die alten Gebäude der Metallhütte restlos abgebrochen und im Jahre 1854 eine nach damaligen Verhältnissen moderne Gießerei mit zwei Kupolöfen errichtet. Bis vor rund 150 Jahren betrieb man hier noch den Ofenguss, doch die Hartgusswalze zur Herstellung von Blechen verdrängte allmählich die gusseisernen Zimmeröfen. Im Jahre 1846 stellte sich die Firma auf die Erzeugung von Hartgusswalzen um, die erste Hartgussdrahtwalze verließ im folgenden Jahr das Werk. Zehn Jahre später wurde die erste Hartgusspolierwalze gegossen. Der Hartguss entwickelte sich unter dem Namen Irle zu einer weltweiten Besonderheit. Als Formen für den Hartguss hat man eiserne Kokillen verwendet. Durch die Berührung des flüssigen Eisens mit der Kokillenform bildet sich eine Schicht harten weißen Eisens infolge plötzlicher Abschreckung. Der Kern der Walze bleibt grau.

Sämtliche Walzen wurden bis 1896 aus dem Kupolofen erzeugt. Da die Geschäfte weiterhin gut gingen, wurde das Werk I zusätzlich um einige moderne Maschinen erweitert. Eine 25-PS-Dampfmaschine sorgte bereits 1875 für die Energieerzeugung als die Wasserkraft der Sieg für die Produktion nicht mehr ausreichte.

Da Deuz abseits der Bahn lag, erfolgten alle Transporte zum und vom Werk mittels Pferdefuhrwerk. Dadurch war die Größe der Walzen beschränkt. Die Firma Irle sah sich gezwungen, bereits frühzeitig die Herstellung kleinerer Walzen vorzunehmen. Doch der Bedarf an kleineren Walzen ist bis Ende des Jahrhunderts so enorm gestiegen, dass das Werk nach kurzer Zeit weiter ausgebaut werden musste:

In den Jahren 1878 und 79 wird die Dreherei in Werk I neu gebaut; kaum fünf Jahre später folgt ein weiterer Anbau an die Dreherei, der hölzerne Drehkran in der Gießerei musste durch einen modernen Laufkran ersetzt werden, neue Drehbänke kamen hinzu. 1892 und 93 entstand ein Flammofen mit 13 t Leistung, der schon zehn Jahre später auf ein Fassungsvermögen von 18 t umgebaut wurde. Die Gießerei und Dreherei wurden verlängert, eine Dampfmaschine mit 65 PS wurde angeschafft und die gesamten Produktionsanlagen wurden 1904 von Öl- und Karbidbeleuchtung auf elektrische Bogenlampen umgestellt.

Auch personell verzeichnete die Firma Irle einige wichtige Veränderungen. Jakob und Karl Irle legten mit der Gründung der Firma Herman Irle, Deuz den Grundstein für die erfolgreiche Entwicklung der Walzengießerei und -dreherei, deren Qualitätserzeugnisse Weltruf haben und in alle Erdteile geliefert werden. Jakob verlegte schon im gleichen Jahr seinen Wohnsitz von Marienborn nach Deuz. Er kaufte das Wohnhaus des H. J. Klein für den Preis von 1200 Thalern mit Garten und Umgebung, ließ es ausbauen und wohnlich gestalten. Deuz wurde nicht nur Arbeitsplatz und fester Wohnsitz von Jakob Irle, auch das Gemeindeleben wurde von ihm aktiv mitgestaltet. Im Jahre 1857 wählte ihn die Gemeinde Deuz zum Gemeinderatsmitglied, ferner wurde er Amtsabgeordneter und -beigeordneter sowie Kreistagsmitglied.

Im März 1852 starb Johannes Irle, Vater von Jakob und Karl, im Alter von 66 Jahren an Lungenentzündung, ein Jahr später im April auch die Mutter. Karl Irle diente zu der Zeit noch bei den Jägern in Düsseldorf. Zusammen mit dem älteren Bruder Fritz hielten sie das Gießereigeschäft in Marienborn noch zusammen.

Mit dem Bau der Sieg-Lahn-Straße im Jahre 1853 und der Verlegung der Gießerei nach Deuz wechselte auch Karl Irle in das obere Siegtal und unterstützte seinen Bruder Jakob bei den Aufräum- und Aufbauarbeiten der neuen Firma. Durch dieses Werk kamen Arbeit und Verdienst in dieses abgelegene und industriell noch unberührte Tal und prägte den Ort und seinen Menschen, nicht nur im rein wirtschaftlichen und kommunalen Sinne, sondern auch in kulturell-gesellschaftlicher Hinsicht.

1876 starb Mitbegründer Karl Irle im Alter von 47 Jahren, im darauffolgenden Jahr trat Rudolf, ältester Sohn von Jakob Irle, in den Betrieb ein. Er war dort zunächst bei einem Monatsgehalt von etwa 166 Thalern für das Einholen von Aufträgen zuständig, erhielt 1879 die Prokura und leitete später als Geschäftsführer das Unternehmen. Der Gemeinde Deuz stiftete er 1822 die erste Wetterfahne zur Erinnerung an seine Verlobung sowie eine Orgel und einen Teil der Glocken für die evangelische Kirche.

Albert Irle, ältester Sohn von Karl Irle, stieg 1888 nach Absolvierung der Techniker-Schule in Wuppertal mit in das Deuzer Unternehmen ein und übernahm die Leitung der Gießerei. Er war der letzte Irle-Nachfolger und führte die Firma mit großer Umsicht und Erfahrung durch zwei Weltkriege, Jahre des Wiederaufbaus und eine Weltwirtschaftskrise, bevor er 1948 im hohen Alter von 83 Jahren durch einen Autounfall verstarb.

Die Walzengießerei und -dreherei hat sich unter dem Namen Irle stetig weiterentwickelt. Wie in vielen Familienbetrieben wurde die Firmenleitung und Produktion meist in die Hände des ältesten Sohnes gelegt und somit eine patriarchalische Unternehmensstruktur fortgesetzt, die typisch für die mittelständische Industrie des Siegerlandes war. Aus dieser Familientradition ergaben sich bedeutende Vorteile für die heimische Wirtschaft, wie etwa eine hohe Flexibilität bei Produktionsumstellung oder auch Eigenständigkeit bei wichtigen Entscheidungen.

So hat sich die Firma Hermann Irle immer rechtzeitig den äußerlichen Bedingungen anpassen und dadurch neue Industriezweige hinzugewinnen können. Als Beispiel sei nur die Umstellung der Walzenproduktion auf kleinere und mittlere Walzen erwähnt, da die Kapazität der damaligen Transportmittel sehr begrenzt war. Diese Entscheidung erwies sich in der Folgezeit als günstig, weil sich die Konkurrenz auf die Herstellung größerer Walzen verlegt hatte.

Bis es jedoch im Jahre 1906 zur Eröffnung der Kleinbahn Weidenau-Deuz kam, die den Transport größerer Waren erleichterte, hat die Firma Irle bereits kräftig in die Weiterentwicklung ihrer Werksanlagen und die Infrastruktur der Gemeinde investiert. Im Jahre 1903 baute die Fa. Irle die ungenutzte Mahlmühle am unteren Ortsrand von Deuz mittels Turbine zu einer Kraftstation um, versorgte zunächst den eigenen Betrieb, ab 1906 auch die Straßenbeleuchtung der Gemeinde sowie später die Haushalte mit elektrischen Strom. Seit 1912 übernahm das Elektrizitätswerk die Stromversorgung für das gesamte Siegerland.

Im Frühjahr 1895 feierte aber ein ganz anderes Verkehrsmittel Weltpremiere, an der auch die Firma Irle Anteil hatte : der erste motorbetriebene Personen-Omnibus mit einer Leistung von 15 PS und 20 km/h Höchstgeschwindigkeit wurde am 18. März auf Linie geschickt. Mutige und einsatzfreudige Siegerländer Unternehmer aus Deuz, Netphen und Dreis-Tiefenbach, unter ihnen auch die Deuzer Otto Irle und H. Th. Klein bildeten die private "Netphener Omnibus-Gesellschaft", da der Bau einer Eisenbahnlinie von Siegen nach Dillenburg zu lange auf sich warten ließ.

Seit der Eintragung der Firma Hermann Irle in das Gesellschaftsregister im Mai 1862 waren Jakob und Karl Irle die Gesellschafter der Deuzer Walzengießerei und -dreherei. Die Zahl der Arbeiter in Werk I hat sich ständig vergrößert, der Maschinenpark ist kontinuierlich erweitert und modernisiert worden, die Produktion und das Vermögen erhöhte sich von Jahr zu Jahr. Während 1876 noch 18 Arbeiter 100 t Fertigwaren jährlich produzierten, stieg die Produktion im Jahre 1887 bei 20 Beschäftigten auf 200 bis 250 t und ein Jahr später schon auf 300 Tonnen jährlich bei etwa gleicher Beschäftigtenzahl. Die Zahl der Arbeiter erfuhr bis 1900 einen Anstieg um 42 auf 60 Beschäftigte zu der Zeit des größten Aufschwungs.

Die Jahresbilanzen der Firma weisen eine noch deutlichere Entwicklung auf. Einer Bilanz vom Februar 1876 zufolge, erwirtschaftete das Unternehmen ein Reinvermögen von 138.506 Mark gegenüber 27.288 Mark Ende 1872. Nach der Bilanz für 1887 betrug das Reinvermögen bereits 210.191 Mark.

Das Werk dehnte sich weiter aus, immer größere und leistungsfähigere Maschinen kamen hinzu. Im Jahre 1874 erhielt die Firma Irle die Genehmigung, einen Dampfkessel aufzustellen; zwei Jahre später stand eine Dampfmaschine zur Energieversorgung bereit. Im gleichen Jahr wurde auch der Bau eines Maschinenhauses begonnen. Zwei neue Drehbänke im Wert von 1288 Thalern mussten aufgrund der gesteigerten Produktion angeschafft werden.

Im Jahre 1878 wurde die Dreherei neu gebaut, 1884 folgte ein weiterer Neubau, in dem zugleich eine Hängebahn eingebaut wurde. Daneben errichtete man einen Schuppen, der ausschließlich der Unterbringung von Walzenkokillen diente. 1887 wurden ein neues eisernes Wasserrad (mit 15 PS als Ersatz für das hölzerne, 9 PS starke Rad) und eine weitere Drehbank notwendig. Auch das Firmengrundstück musste erweitert werden: eine zusätzliche Wiesenfläche sowie ein Geländestreifen am Halsberg wurden gekauft.

Nicht nur die Produktionsanlagen von Werk I wurden ständig erneuert, auch die Firmenverwaltung erhielt neue, anfänglich recht bescheidene Räumlichkeiten. 1889 wurde ein kleines Betriebsbüro von der Größe eines Raumes eingerichtet, während das kaufmännische Büro im Haus von Jakob Irle blieb.

Der alte hölzerne Drehkran wurde 1890 abgebrochen und durch einen eisernen Kran ersetzt, der zuerst per Hand, später von einem Elektromotor angetrieben wurde. Nun war es auch möglich, das Eisen aus dem Kupolofen in Kranpfannen laufen zu lassen und zu gießen. Zusätzlich errichtete man einen Flammofen, legte einen Laufkran an, der ebenfalls 1898 einen Elektromotor erhielt.

Im Jahre 1891 wurde in Deuz endgültig der letzte Ofen gegossen. Der Guss von halb- und mildharten Kaliberwalzen aus dem Flammofen entwickelte sich mehr und mehr zur Hauptfabrikation des Unternehmens. Noch im gleichen Jahr wurde nach erfolgreicher Verhandlung ein Telegraph bis Deuz angelegt. Dazu schreibt Jakob Irle in seinen Lebenserinnerungen:

"Nachdem wir die Post schon seit längeren Jahren gehabt, kam eines Tages der Staatssekretär v. Stephan von Laasphe hier durch und frühstückte bei Klein mit mehreren Postbeamten, bei welcher Gelegenheit er gefragt hatte, warum hier noch kein Telegraph wäre, da kam in einigen Wochen der Befehl zur Anlegung eines Telegraphen von Haardt nach Deuz, und heute haben wir seit dem 1. Mai 1891 auch die zweite fahrende Post."

(Original befindet sich im Besitz der Firma Irle)

Obwohl die Preise für Eisen und Kohle fielen und die Eisenindustrie in den meisten Branchen lahmgelegt war, stiegen von 1890 an die Aufträge der Walzengießerei ganz beträchtlich. Begünstigt durch diese positive wirtschaftliche Entwicklung und durch einen ungewöhnlich trockenen Sommer konnten weitere Umbauten aber auch einige Neubauten vorgenommen werden: Verlängerung der Dreherei im Jahre 1896 um 30 m nach Osten und zwei Jahre darauf nach Westen über die Sieg. Die Dreherei wird mit vier neuen Drehbänken und einem Laufkran ausgestattet, die Gießerei erhielt bereits 1893 zusätzlich einen Schwenkkran von 5 t Tragfähigkeit.

1897 musste die alte Dampfmaschine durch eine stärkere mit 65 PS Leistung ersetzt werden. Gleichzeitig wurde elektrischer Strom für die Kräne erzeugt, Werkstätten sowie Wohnhäuser wurden mit elektrischem Licht und bis 1898 alle noch von Hand betätigten Maschinen mit einem Elektromotor versehen.

Im Jahre 1908 wurde die Deuzer Firma in eine G.m.b.H. umgewandelt, und Otto Irle trat als Geschäftsführer in die Firma ein, nachdem Mitbegründer Jakob Irle bereits 1894 im Alter von 73 Jahren verstorben war. Sein Neffe Albert Irle erhielt im gleichen Jahr die Prokura.

Nach dem Ausscheiden der Witwen von Jakob und Karl Irle aus dem Unternehmen waren seit 1898 Rudolf und Albert Irle zeichnungsberechtigte Teilhaber der Firma. Rudolf war zur Hälfte, seine Vettern Albert und Otto zu je einem Viertel beteiligt.

Im Jahre 1909 trat der Schwiegersohn von Rudolf Irle, Philipp Fischer, in die kaufmännische Leitung ein. Er starb jedoch bereits 1916 an den Folgen einer Erkältung, die er sich im Militärdienst zugezogen hatte.

Inzwischen war im Jahre 1903 die alte Deuzer Mahlmühle am Ausgang des Dorfes nach Netphen für 22.918 Mark von Friedrich Schmick in den Besitz der Firma Hermann Irle übergegangen in der Absicht, die Wasserkraft auf elektrischem Wege zur Walzengießerei zu übertragen. Die Firma Irle begann noch im gleichen Jahr mit dem Umbau der stillgelegten Mühle und richteten dort durch Einbau einer Turbine eine Kraftstation ein. Damit konnte die Öl- und Karbidgasbeleuchtung des Werkes auf elektrische Bogenlampen umgestellt werden. Den Strom für die ersten in Auftrag gegebenen neun Straßenlampen der Gemeinde Deuz lieferte die Firma Irle.

Nach Eröffnung der Kleinbahn Weidenau-Deuz erhielt das Werk im Jahre 1906 Bahnanschluss. Für die wirtschaftliche Entwicklung im oberen Siegtal war diese neue Verkehrsanbindung von großer Bedeutung. Bis 1908 verfügte die Kleinbahn über vier Loks und einige Personenwagen. Die Strecke wurde 1911 bis Werthenbach weitergebaut, der kombinierte Personen- und Güterverkehr getrennt und weiter ausgebaut. Die Infrastruktur des oberen Sieg- und Werthetals erfuhr eine entscheidende, zukunftsweisende Verbesserung. In der Folgezeit konnten größere Walzen produziert und transportiert werden. Das Werk dehnte sich von Jahr zu Jahr aus.