Die Silber- und Bleihütte zu Deuz

 

Die Deuzer Hütte von 1726 bis 1848

Vor Deuz, auf dem Gelände, das später den Namen "Bei der Schmelzhütte" erhielt, errichteten im Jahre 1726 der Herr von Fleischbein, damals Inhaber der Burg Hainchen, der Erbe der Freiherrn von Bicken aus Hainchen und ein gewisser Herr Heusler aus Dillenburg eine Blei- und Silberhütte. Als Baumeister zogen sie den im Jahr vorher in das Nassauische gekommenen und 1723 als Schmelzer und Silberarbeiter tätigen Valentin Becher heran. Dies geht aus einer Urkunde vom 3. Mai 1759 hervor, die sich im Besitz der Firma Irle befindet.

Eine Erzgrube gehörte nicht zur Schmelzhütte. Der Enkel des Baumeisters, Johann Philipp Becher, weist 1789 darauf hin,

"daß die Hütte durch auswärts gekaufte Erze betrieben
würde, denn in dieser gegen den anderen Teil des Siegenschen
höher gelegenen Gegend sei weder Berg-, Hütten- noch
Hammerbetrieb. Die Bewohner, sind Kohlenbrenner, wozu
ihnen ihre wohlunterhaltenen Hauberge den Stoff geben und
sie dabei notdürftig mit Brotfrüchten versorgen."

(vgl. J. Ph. Becher, 1789)

Nach Unterlagen der Bergbehörde Siegen sind seit 1718 in Deuz und Umgebung keine Grubenfelder belegt gewesen. Der Standort der Schmelzhütte ist einerseits bestimmt durch das Vorhandensein eines ausreichenden Wassergefälles, zum anderen durch die Nähe des Brennstoffes. Sicherlich war die Nähe zum Haupterzeugungsgebiet der Siegerländer Holzkohle Veranlassung dafür, dass die neue Hütte gerade in Deuz errichtet wurde.

Dr. Wilhelm Güthling hebt in seinem Bericht zur Geschichte der Deuzer Hütte ihre Besonderheit hervor:

"Die einst an der Sieg bei Deuz gelegene Blei-, Silber- und
Kupferhütte ist bemerkenswert, einmal, weil sie zur Zeit ihres
Bestehens die der Quelle dieses gewerbereichen Flusses am
nächsten gelegene industrielle Anlage war, dann, weil sie fern
von den Lagerstätten der zu verhüttenden Erze erreicht
wurde, während die anderen Siegerländer Hütten regelmäßig
in nächster Nähe von Erzgruben gebaut wurden."

(Böttger u.a., 1967, S. 402)

In einer im Jahre 1804 erschienenen

"Übersicht der Eisen- und Stahlerzeugung (...) insofern solche
auf Wasserwerken vorgeht, in den Ländern zwischen Lahn
und Lippe"

erhält die

"Silberhütte zu Deutze an der Sieg bei dem Dorfe Deutz,
dem Bürgermeister Engels zu Siegen gehörig",

ihre erste ausführliche Würdigung. Danach hatte sie

"in zwei abgesonderten Gebäuden zwei Krummöfen, einen
Treib- und einen Garofen. Dort wurden ausländische
Produkte, wie z. B. die Grätze aus Münzen (..), zuweilen
ostindische und japanische Produkte, nämlich gold- und
silberhaltiges Kupfer, mit dem hin und wieder im Unteren
Siegenschen Revier brechenden Bleierzen verschmolzen (...).
Blei wird indessen wenig verkauft, sondern das meiste als
Herd und Glötte dem Sande, so nennt man jene ausländische
Grätze, wieder zugeschlagen."

(Güthling, 1967, S. 403.)

Der Bau der Silber- und Bleihütte leitete ab 1726 die Entwicklung des Unternehmens Herm. Irle ein. In Deuz entfaltete sich die erste Industriegemeinde im oberen Siegtal. Landwirtschaft, Hauberg und Köhlerei boten bis dahin die Lebensgrundlage der Deuzer Bewohner.

Aus der ehemals brachliegenden Metallhütte, wo sich nach den Lebenserinnerungen des Jakob Irle in der Zeit vor 1726 an gleicher Stelle ein Kupferhammer befunden haben sollte, entstand später das Werk I der Fa. Irle, die heutige Walzengießerei und -dreherei. Bis sie 1848 endgültig in den Besitz der Brüder Jakob und Karl Irle überging, wechselte die Deuzer Hütte noch einige Male ihren Besitzer. Seit 175 Jahren beschaffte die älteste Walzengießerei des Siegerlandes den Bewohnern von Deuz Arbeit und Wohlstand.

Ende 1758 oder Anfang 1759, das genaue Datum lässt sich nicht mehr feststellen, erstanden Adolf Albert Diesterweg und Bürgermeister Sebastian Engels aus Siegen die Deuzer Silberhütte, die früher ein Kupferhammer gewesen sein soll. Von diesem Verkauf erfahren wir durch einen Schiedsspruch vom 3. Mai 1769 und Vorverhandlungen ohne Datum hierzu, die im Original vorliegen.

Nach Angaben der Witwe des Sebastian Engels hat dieser die Hütte wegen der damaligen Kriegsunruhen, geringen Absatzes, aber auch wegen Tod des Hüttenmeisters und einiger Hüttenknechte im Jahre 1810 stillgelegt. Die Deuzer Hütte ist rund 85 Jahre in Betrieb gewesen.

Dieser Schiedsspruch ist auch insofern interessant, als er die wirtschaftliche Machtstellung der Gemeinde zu damaliger Zeit beleuchtet:

Berechtigte des Abtriebes der Schmelzhütte war die Gemeinde. Erfolgte der Abtrieb nicht durch dieselbe, so konnte sie bestimmte Forderungen an die Eigentümer der Schmelzhütte stellen: etwa zur Errichtung weiterer Gebäude, die ohne Wissen und Einwilligung der Gemeinde nicht vorgenommen werden durfte oder die Bevorzugung der Deuzer Arbeiter beim An- und Abtransport bzw. bei der Handarbeit auf der Schmelzhütte. Ferner sollte eine jährliche Unterbrechung der Produktion erfolgen, in der ein Rösten und Schmelzen nicht erlaubt war und bei endgültigem Abbruch der Hüttengebäude ohne Wiederaufbau sollte der Platz wieder der Gemeinde zufallen.

Bemerkenswert ist die starke Stellung der Gemeinde als Gefahren-Gemeinschaft aller Gemeindemitglieder, mit dem Bestreben einer gleichmäßig verteilten Sicherung des Einkommens. Ein starkes Wachstum der Schmelzhütte setzte die Gemeinde nicht voraus: eine Arbeitskraft je Wohnhaus! Da die Einwohnerzahlen aus dem 18. Jahrhundert nicht vorliegen, lässt sich die genaue Zahl der Arbeiter nicht feststellen. Im Jahre 1818 waren es 40 Häuser mit 272 Einwohnern. Demnach dürfte Deuz um 1760 etwa 25 Häuser, also maximal 25 Arbeitskräfte, gehabt haben (vgl. Dr. L. Irle, Anmerkung zum Manuskript).

Wertvolle Ergänzungen zu dem lückenhaften Schrifttum über die Deuzer Hütte finden sich in einem 1825 über den Nachlass des Bürgermeister Engels aufgestellten Inventar. Daraus war zu erfahren, dass Engels am 7. April 1785 den Anteil Diesterwegs an der Schmelz- und Treibhütte "über Deuz, beide alt", mit Kohl- und Holzschuppen unter einem Dach nebst Umgebung von Schlackenhalde samt dem dazu gehörigen Werkzeug und Gerätschaften für 1000 Reichstaler erkauft hatte und nun ihr Alleinbesitzer war.

Ein Aktenband der Regierung des Großherzogtums Berg gibt an, dass etwa um das Jahr 1810

"die zu Deuz gelegene Silber-, Blei- und Kupferhütte des
Bürgermeister Sebastian Engels in Siegen fünf Arbeiter
beschäftigte und 150 bis 200 Mark Silber, 150 bis 200 Zentner
Blei sowie 20 Zentner Kupfer erzeugte. Die Urstoffe waren
Bleierz, geringhaltige Bleizuschläge, Metall, Asche und
Kohlen. Bezugsquelle war das In- und Ausland. Außer
Holzkohle wurden auch rohe und gebrannte Steinkohlen
verbraucht".

Als Hindernisse für den Absatz, der nach Frankfurt am Main ging, werden in dem Bericht die schlechten Wege durch das Gebirge angegeben.

Vom 5. Dezember 1818 liegt ein Aktenstück vor, das vom königlich-preussischen Bergamt in Siegen an den Besitzer der Silberhütte in Deuz gerichtet ist. Bürgermeister Engels hatte Einspruch gegen die Errichtung einer Mahlmühle in Grissenbach erhoben. Der Antrag des N. Vitt aus Grissenbach wird durch ein ausführliches Gutachten abgelehnt, da bei Errichtung einer Mühle oberhalb der Schmelzhütte diesem Werk ein erheblicher Teil des Wassers entzogen würde und ihr Fortbestand gefährdet gewesen wäre (Originalschreiben im Archiv der Firma Irle).

In einer bekannten Statistik des vormaligen Fürstentums Siegen vom Jahre 1820 führt Karl Friedrich Schenck nach den verschiedenen gewerkschaftlichen oder herrschaftlichen Hütten dieses Gebietes die "alleineigentümliche" Hütte zu Deuz mit einem Krummofen, einem Treibofen und einem Gasherd auf.

In der zweiten, 1839 erschienenen Auflage seiner Statistik, nennt Schenck als sechste der Metallhütten des Kreises Siegen

"die Hütte zu Deuz mit einem Krummofen, einem Treibofen
und einem Gasherd, welche vom verstorbenen Bürgermeister
Engels gebaut wurde und jetzt dessen Nachfolger, Herrn
Jakob Hellmann zu Deuz, alleineigentümlich angehört, aber
seit mehreren Jahren nicht mehr betrieben wird".

Dieser Hellman wird in einem Adressbuch von 1833 als Inhaber der Blei-, Kupfer- und Silberschmelzhütte Deuz genannt. Er verkaufte die Hütte 1848 für 1000 Thaler an die Brüder Jakob und Karl Irle aus Marienborn, die bei einer Jagd die unausgenutzte Wasserkraft der Sieg entdeckt hatten. Sie beabsichtigten zunächst, hier ihre in der Marienborner Hütte gegossenen Öfen drehen und schleifen zu lassen, verlegten aber bereits 1854 auch ihre Gießerei nach Deuz, wo sie dann die Firma Hermann Irle, benannt nach ihrem 1822 verstorbenen Großvater, gründeten.

Nach dem Tod von Sebastian Engels bot die Witwe im "Siegerländer Intelligenzblatt Nr. 21" am 21. Mai 1827 die Hütte zum Verkauf an. Diese Verkaufsanzeige gewährt einen weiteren Einblick in die Einrichtung der Silber- und Bleihütte:

"Die Frau Witwe des Herrn Bürgermeisters Engels zu Deuz im
Kreise Siegen, Königl. Preuss. Regierungsbezirks Arnsberg,
beabsichtigt ihre daselbst gelegene Schmelzhütte mit zwei
Öfen zum Schmelzen aller Sorten von Erzen und Kräzen von
Gold- und Silberarbeiten, die Treibhütte zum Abtreiben des
Goldes und Silber von Blei, worin sich auch noch ein
Kupfergarherd zum Fertigmachen des Kupfers befindet, ein
kleiner Probierofen zur Ermittlung der Haltigkeit der Erze
und ein Ofen zum Feinbrennen von Gold und Silber, nebst
dazugehörigen Holz- und Kohleschuppen sowie 100 Ruten
Raum um die Hütte, entweder aus freier Hand oder
meistbietend zu verkaufen. Die zwei Stunden von Siegen
entfernte Schmelzhütte hat den verstorbenen Eigenthümern
bedeitenden Vorteil gebracht, und wird sich sicherlich in der
Folge ebengut rentieren, da es an Erzen im Fürstentum Siegen
nicht fehlt und die Kohlen ganz in der Nähe bezogen werden
können. Hiermit läßt sich aber leicht noch ein anderes Berg-
und Hüttenmännisches Etablissementz, z. B. ein
Blaufarbenwerk verbinden, und ist für einen einsichtsvollen
thätigen Eigenthümer zu erwarten. Kauflustige werden daher
eingeladen, sich entweder an den Unterzeichneten, welcher
die Verkaufbedingungen besitzt, in portofreien Briefen zu
wenden, und ihre Gebote schriftlich abzugeben, oder in dem
auf den 30. Juni Vormittags 10 Uhr anberaumten
Subhastations-Termine sich in Deuz in der Behausung des
Herrn Karl Klein einzufinden. Siegen, den 21. Mai 1827
Lorsbach, Hofgerichts-Advokat".

Käufer war Jakob Hellmann in Deuz. Dieser jedoch hat die Hütte nicht betrieben, denn gemäß der "Confirmation der Belehnungsurkunde für das Deuzer Blei- und Silber-Hüttenwerk" wird die Witwe des verstorbenen Bürgermeisters Engels als rechtmäßige Eigentümerin genannt. Das Schreiben datiert vom 4. Oktober 1828 und wurde am 15. Oktober 1828 von der Ober-Berghauptmannschaft im Ministerium des Innern zu Berlin bestätigt. (Das Original der Urkunde befindet sich in den Unterlagen der Firma Irle).

Unter nachstehenden Bedingungen wurde die nachgesuchte Belehnung bewilligt und erteilt:

"1. Das Deuzer Blei- und Hüttenwerk soll bestehen

a) in einem Schmelzhüttengebäude enthaltend zwei Krummöfen und ein Stübbe-Pochwerk mit einem Satze
oder drei Stempeln; b) in einem Treibhüttengebäude, enthaltend einen Treibofen, einen Feinbrennofen und
einen Kupfergarherd; c) in einem Kohlenschuppen;
d) in einem Hüttenplatze mit gemauerten Roststadeln;
e) einem Obergraben mit steinernem Wehre, mittels welchem der Hütte die nötigen Aufschlagwasser mit
16 Fuß Gefälle aus dem Siegflusse zugeführt werden.

2. Die Lehnträgerin ist verpflichtet, dem bestehenden, sowie den etwa ferner noch erteilt werdenden Bergwerks-Gesetzen und Verordnungen allenthalben pünktlich nachzukommen, wie nicht weniger den in Beziehung auf bergpolizeiliche Gegenstände Seiten des königlichen Bergamts zu Siegen ergehenden Anordnungen gebührende Folge zu leisten. 3. Dieselbe ist verbunden, den Betrieb des Hüttenwerkes mit aller Sorgfalt und so zu führen, daß dabei alle Beschädigungen an Wiesen, Ackern und sonstigen Grundeigentum gänzlich vermieden wird, übrigens aber den dennoch etwa veranlaßten Schaden mit den Beteiligten zu treffender gütlicher Übereinkunft, oder bei deren Entstehung, nach ordnungsmäßiger Taxation, vollständig zu vergüten. Bonn, den 4. Oktober 1828".

Diese Belehnungsurkunde vervollständigt die Übersicht über die Einrichtung der Schmelzhütte, die durch die Vermögensaufstellung des Sebastian Engels aus dem Jahre 1825 und der Verkaufsanzeige aus dem Jahre 1827 begonnen wurde.

Das Bild der Schmelzhütte wird abgerundet durch den Lageplan. Die in verschiedenen Dokumenten verzeichneten Gebäude finden sich in der Kataster-Urkarte der Flur VII, Deuz, befindet sich auf dem Katasteramt in Siegen, wieder und stammt aus dem Jahre 1837. Die Parzelle 490 ist die Treibhütte, die Parzelle 489 die Schmelzhütte und die Parzelle 488 der Hofraum. In dieser äußeren Form hat die Schmelzhütte bereits um 1800 bestanden.

Am 10. Dezember 1830 heiratete die Witwe Engels, geborene Schmick, Jakob Hellmann aus Deuz. Als Hüttenbesitzer werden nunmehr die Eheleute Hellmann genannt, die aber die Hütte nicht betrieben haben sollen. Die einzige vorliegende urkundliche Nachricht aus dieser Zeit stammt vom 4. März 1846. Sie bezieht sich auf das zur Schmelzhütte gehörige Wasserwehr (Das Original befindet sich in Besitz der Firma Irle).