Die Marienborner Eisenhütte und die Gewerkenfamilie Achenbach

Bevor die Firma Hermann Irle ihren Sitz nach Deuz verlegt hatte, war sie seit dem Gründungsjahre 1820 in Marienborn ansässig. Hier hatte in diesem Jahre Johannes Irle, genannt "der jüngere Eisenfabrikant", ein Werk zur Herstellung von Grauguss, insbesondere von Öfen, gegründet. In Marienborn wurde bereits das Fundament für die spätere Fabrikation der Firma Irle gelegt; schon im Jahre 1820 wurde hier die erste Hartwalze in Kokille gegossen. Es dauerte lange, ehe sich diese neue Walzenart durchsetzte und man ihre Vorzüge schätzen lernte.

Doch zurück zum Anfang der Eisengießerei in der Marienborner Hütte. Die Marienborner Achenbachs sind mit der ältesten Eisen-Industrie im Weißtal, östlich von Siegen, eng verbunden. Hier lag die schon 1311 urkundlich belegte "mashutte uff der Weste", die "Massenhütte an der Weiß". Sie gilt als die älteste bisher bekannte Wasserkraft-Roheisenhütte des Siegerlandes. Da diese "mashutte uff der Weste" ohne Verbindung mit einem Orts- oder Familienname erwähnt wird, scheint sie damals die Massenhütte an der Weiß schlechthin, also die einzige im Weißbachtal gewesen zu sein.

Im Jahre 1444 arbeiteten bereits drei Blashütten am Weißbach: zwei Hütten in Marienborn bzw. Kaan und außerdem noch die Hütte unter dem Hain. Die Caaner Blashütte, die 1444 erstmals erwähnt wird, kann auch älter sein, denn im Jahre 1419 ist schon die "sliefmole bower Kaen", also die Schleifmühle oberhalb von Kaan beurkundet, die vielleicht das Gusswerk der Kaaner Hütte geschliffen hat (vgl. P. Fickeler 1952, S. 105/106).

Über die Herstellung von Roheisen und Gusswaren und deren Mengenverhältnis in den folgenden Jahren vermittelt J. Ph. Becher aufschlussreiche Angaben, die nachfolgend in Bezug auf die Marienborner Hütten zusammengefasst werden.

1567 standen nur noch 25 Hütten im Betrieb. Eisenhämmer waren 16 vorhanden. Der jährliche Ertrag des Roheisens, darunter auch die Gusswaren, kam auf 1300 Wagen. 1569 reduzierten die Massenbläser das jährlich auf 22 Hütten geblasene Roheisen auf 700 Wagen.

"Die zwei Hütten zu Marienborn durften 14 Wochen gehen und bliesen die Hälfte der Reise 50 Wagen Roheisen und die andere machten sich Gußwerk, und so lieferten die übrigen Hütten nach dem Verhältnis der Reisen und der Zeit, die sie auf Roheisen blasen verwandten 48, 40, 30, 24 und 20 Wagen Roheisen."

Lesen wir, was zu Herkunft, Lage und Geländeform der Hütten zu Marienborn, die 1789 noch zusammen aufgeführt werden, geschrieben steht:

"Aus den gesamten Gelände-Verhältnissen, insbesondere dem Verlauf, Größe und Gefälle des sehr alten Hüttengrabens, geht hervor, daß die Marienborner Eisenhütte von 1841 und 1847 der älteren und zugleich 'obersten Blashütte vorm Mergenborn' entspricht. Die jüngere 'Neue Hütte' von 1491, die 'niderste blashütt vorm Mergenborm', hat, nach der Lage und Form des Geländes und gefundenen Hochofenschlacken-Resten, sehr wahrscheinlich etwa 700 Meter weiter unterhalb am Fuße des 'Gallen-Berges', Ecke Volnsberger Weg/Siegener Straße, gelegen.
Aus allen Erwägungen ergibt sich also die Wahrscheinlichkeit, daß die 'Marienborner Eisenhütte', (...) wahrscheinlich mit der ältesten bisher bekannten Wasserkraft-Roheisenhütte des Siegerlandes, der für das Jahr 1311 urkundlich belegten 'mashutte uff der Weste', gleichbedeutend ist."

(Fickeler, 1952, S. 107)

Der "Bälgemacher" Johannes Irle aus Dahlbruch, führte 1693 als Erster die beiden bedeutenden Siegerländer Familien durch seine Heirat mit Anna Christina Achenbach, Tochter des Gewerken Johann Achenbach aus Marienborn, zusammen. Johannes Irle war der Begründer der Marienborner Linie, zu der bis 1854, als in Deuz die Firma "Hermann Irle" gegründet wurde, noch fünf Generationen zählten.

Der letzte in Marienborn geborene Irle-Nachfahre war Karl (wie Jakob ein Sohn von Johannes), von Beruf Eisenfabrikant. Zwischen Karl (geb. 1829) und Johannes Irle (geb. 1666) waren noch Hermann (geb. 1763), sein Sohn Johannes (geb. 1786) und dessen Sohn Jakob (geb. 1821) Eisenfabrikant bzw. Gewerke an der Marienborner Hütte.

In den Lebenserinnerungen des Jakob Irle ist der Hüttenbetrieb in Marienborn um das Jahr 1835 anschaulich beschrieben:

"Als ich nun von der Schule in Siegen entlassen, war ich beinahe 16 Jahre alt und widmete mich von da ab dem Eisengießereigeschäft, welches mein Vater betrieb.
An dem Hochofen in Marienborn waren 100 Teile, 100 Erbtage, welche jeder in der Gewerkschaft im Verhältnis zu seinen Anteilen für sich hüttete. Von den Gewerken waren nur drei: die Stiefbrüder Engelhard Achenbach und Joh. Fr. Achenbach sowie mein Vater Johannes Irle (Vetter der beiden Brüder), welche Eisengießerei betrieben, die anderen produzierten Roheisen. Die Gießereien fabrizierten Öfen, Pötte, Kessel, Cylinder, Maschinenteile etc., besonders wurden auch viele polierte Öfen in einigen Schleifwerken hergestellt, wovon zwei in Caan und zwei in Marienborn waren."

Die Marienborner Hütte ist für die Zeit um 1789 auf 100 Hüttentage oder zwei Reisen jährlich privilegiert, die unter zwölf Gewerken verteilt sind. Für das Jahr 1847 werden für dieselbe Eisenhütte, bestehend aus einem Hochofen mit Zylindergebläse und einem Lufterhitzungsapparat 96 Erbtage, 12 Anheb-, Ablass- und Armentage, vier Tage von der Arbacher Hütte, als Erbtage, 4 Kupferhüttentage und 12 Stammtage berechnet. Macht zusammen 128 Tage, den Tag zu 24 Stunden gerechnet. Die 128 Tage der Marienborner Eisenhütte wurden verteilt auf die schon erwähnte "Frühjahrshüttenreise", die von April bis Juni, und die "Herbsthüttenreise", die von September bis Neujahr dauerten (aus dem "Hypotheken-Buch für die Hütten", 1847).

Wieder zurück zu Jakob Irle, der über die Betriebszeiten der Marienborner Hütte berichtet:

"Der Hochofen ging in einem Reihumgange ca. 9-10 Tage auf graues Gießereieisen und nach ca. 6-7 Tagen auf meliertes oder weißes Eisen, und zwar in 2 Campagnen von April bis Johanni und von September bis Neujahr mit Holzkohlen; später mit einem Teile Coax, als eine Dampfmaschine ein Cylindergebläse betrieb und die alten 2 ledernen Bälge verdrängt waren.
Es war eine schwierige Arbeit bei der Gießerei, während die Hütte ging. Wenn man des Abends seinen Tag erhielt, mußten die gebrannten Lehmformen für den ersten Guß in der Hütte sein. Um ein Uhr nachts wurde der Graben aufgeworfen und eingesetzt, um 5 Uhr morgens das erste Mal gegossen, so daß man täglich 4 Güsse von je ca. 2000 Pfund machte.
Wenn man dann so hintereinander 2-3 Tage goss, konnte man wenig schlafen. Man mußte sich die Nächte teilen, entweder blieb mein Vater oder mein Bruder Fritz bis 1 Uhr auf und von da an ich und besorgten den ersten Guß. Wenn nun der Hochofen nicht im Gange war, wurde aus dem Kupolofen gegossen, deren 2 im Jahre 1832 neben der Hütte erbaut und mit warmer Luft geblasen wurden, wobei auch mitunter schwerere Stücke gegossen wurden."