Die Siegerländer Wirtschaft bis zum 16. Jahrhundert

Im 13. Jahrhundert setzte mit Ausnutzung der Wasserkraft die große Blütezeit des mittelalterlichen Bergbau- und Hüttenwesens ein. Der Gebrauch des Wasserradantriebes für die Gebläse der Anlagen brachte umwälzende Neuerungen mit sich, da sie zur Entstehung des Hochofens führte und den Standort der Hütten in die Täler verlegte. Regulierungen der Wasserläufe waren eine weitere Folge (vgl. T. Irle, S. 20).

Wald und Wasser waren bis zur industriellen Revolution unbestritten die wichtigsten Energielieferanten für die Eisenindustrie des Siegerlandes. Da in dieser fein aufeinander abgestimmten Planwirtschaft die einzelnen Wirtschaftszweige Hauberg, Köhlerei, Viehzucht, Landwirtschaft und Industrie sehr eng verflochten und voneinander abhängig waren, musste sorgfältig darauf geachtet werden, dass an keinem der Rohstoffe Mangel herrschte. Wasser- bzw. Holzknappheit hätte zur Folge, dass die Schmelzöfen nicht mehr betrieben werden könnten, der Betrieb der Hütten und Hämmer zum Erliegen gekommen wäre, Köhlerei und Gerberei ihrer wichtigsten Grundlage beraubt würden.

Wie bereits erwähnt, ist die Besiedlung des Netpherlandes nicht talaufwärts, sondern von den Randhöhen her erfolgt. Die frühen Bewohner des Landes müssen in erster Linie Viehhalter gewesen sein. Die starke Zertalung der Oberfläche mit oft sehr steilwandigen Hängen, das regenreiche Klima, der nährstoffarme und steinige, feuchte und kalte Boden machten einen erfolgreichen Ackerbau bzw. Getreideanbau unmöglich.

Die breiten unteren Hänge und Mulden im Raum Netphen, Deuz und Walpersdorf, die sich nach ihrer Oberflächenform und ihrem tiefgründigem Boden für die Anlage von Feldern geeignet hätten, waren in der Frühzeit noch mit dichtem Baum- und Strauchwuchs bedeckt. Die versumpften Talsohlen trugen unterholzreichen Bruchwald, v. a. Erlen und Weiden.

Diese alte, vielseitige Nutzung des Waldbodens, der Holz und Getreide für den Menschen, Gras und Kräuter, Eicheln und Bucheckern, Ginster- und Heidestreu für das Vieh lieferte, ist in der Bezeichnung "Wald-, Feld- und Graswirtschaft" zusammengefaßt. So war der Viehhalter der Frühzeit auch Waldbauer geworden. Diese Wirtschaftsform ist im niederschlagsreichen deutschen Mittelgebirge bis weit ins Mittelalter nachweisbar (vgl. Böttger, Weyer, Lück 1967, S. 109/110).

Bis um die letzte Jahrhundertwende herrschten im Netpherland noch die landwirtschaftlichen Betätigungen vor, wenn man von den Orten Netphen, Dreis-Tiefenbach, Niedersetzen, Unglinghausen und Eckmannshausen absieht, die stärker der Industrie zugewandt waren. Während von 1897 bis 1957 die Zahl der Landwirte ohne sonstigen Beruf von 768 auf 317 sank, hat sich in diesem Zeitraum von 60 Jahren die Zahl der Fabrikarbeiter, darunter fielen auch einige selbständige Schmiede, Schlosser, Klempner und Elektriker, mehr als verzehnfacht (von 243 auf 2623).

Seit dem Jahre 1957, in dem das letzte Adressbuch erschien, ist die Entwicklung in der aufgezeigten Linie weitergegangen. Die brachliegenden Felder und Wiesengründe, der Niedergang der Haubergswirtschaft und die Verringerung der Viehbestände sind die äußeren Erscheinungsbilder für die Umwandlung einer bäuerlichen in eine Industrielandschaft, die auch verkehrsmäßig immer mehr erschlossen wurde (vgl. Dr. L. Irle, 1967).

Der jahrhundertelange Raubbau an den Siegerländer Waldungen führte zur ständigen Vergrößerung der Holznot, vorangetrieben durch den seit dem 15. Jhdt. aufkommenden Kapitalismus und Merkantilismus. Bergbau und Hüttenwesen wurden zum Ausgangspunkt für kapitalistische Erscheinungsformen, da das Eisengewerbe durch die Erweiterung der Anlagen und Verbesserung der Produktionsmethoden größere Betriebsmittel erforderte. Die Siegerländer Industrie litt stark unter dem herrschenden Kohlenmangel. Die Einführung einer Waldordnung, die den Holzverbrauch regeln und den Aufwuchs junger Waldbestände ermöglichen sollte, wurde in der Folgezeit ständig übertreten, da Köhler, Hammerschmiede und Massenbläser unter allen Umständen ihre Produktion zu sichern suchten und die Landwirte den Hauberg als Weidegrund benötigten (vgl. T. Irle, 1964, S. 69).