Das Siegerländer Eisengewerbe bis 1800

Der wachsende Eisenbedarf, die zunehmende Schmelzerfahrung und besonders die Verbesserung der Gebläse-Vorrichtung bewirkten notwendigerweise auch eine Vergrößerung der einfachen, frühmittelalterlichen Rennfeuer. Diese wurden mit der Zeit stärker gebaut und entwickelten sich im 13. Jahrhundert bis zu 4 m großen Öfen, als die Siegerländer begannen, verstärkt die Wasserkraft zum Antrieb der Gebläse und Hämmer zu nutzen. Das Wasserrad brachte Gebläse und Hämmer in Bewegung und das Eisengewerbe zu seiner größten Blüte.

Im Jahre 1311 werden eine Lohmühle bei Siegen und eine "mashutte uff der weste" erwähnt; die Lage dieser "Massenhütte am Weißbach" deutet auf die Verwendung der Wasserkraft auch für den Hüttenbetrieb hin. Sie ist wahrscheinlich die Vorläuferin der späteren "Marienborner Eisenhütte", in der Johannes Irle, "der Bälgemacher" ab 1693 als Gewerke tätig war. Mit der Verwendung von Wasserkraft und Wasserrad durch das Eisengewerbe wurde die entscheidende Voraussetzung für einen ganz neuen Abschnitt der technischen Entwicklung des Siegerländer Eisengewerbes geschaffen (vgl. P. Fickeler 1952, S. 28/29).

Die größere Kraft, die das fallende Wasser bot, ermöglichte nun auch den Bau größerer und schwererer Gebläse. Die "Massenhütte an der Weißbach", die wohl in erster Linie zur Ausnutzung der Wasserkraft für das Gebläse dort angelegt worden ist, beweist, dass im Siegerland schon die ältesten Eisenhütten im 13. Jahrhundert zum Teil das Wasserrad-Gebläse verwendet haben.

Wie wichtig gut arbeitende Bälge für den erfolgreichen Betrieb der Hochöfen in den Blashütten und der Frischherde in den Hammerhütten waren, belegt die Tatsache, dass sich die Bälgemacher, die für die Herstellung und das reibungslose Funktionieren verantwortlich waren, zu einer eigenen Zunft zusammenschlossen.

Die durch die Ausnutzung der Wasserkraft ermöglichte Vergrößerung des Gebläses und damit des Schmelzofens sowie der gesamten Anlage bewirkte auch eine Erweiterung des Betriebes und der Arbeitsgänge, die schließlich zu einer Arbeitsteilung und räumlichen Trennung der Hütte in Blashütte und Hammerhütte führte.

Die Blashütte stellte im Hochofen aus Eisenstein Roheisen, später auch graues Gusseisen, her. Sie erhielt ihren Namen nach dem Gebläse, als dem durch das Wasserrad getriebenen kennzeichnenden Teil der Anlage. Ihren anderen Namen Massenhütte erhielt sie nach ihrem kennzeichnenden Erzeugnis, der Roheisen-Massel (= ungeformter Metallklumpen). Beide Wörter sind vereint im "Massenbläser", womit der in der Massen- oder Blashütte Werktätige bezeichnet wurde.

Die Hammerhütte verarbeitete das von der Blashütte bezogene Roheisen zu Schmiedeeisen oder Stahl. Sie führte ihren Namen nach dem durch das Wasserrad getriebenen Hammer, nach welchem die gesamte Hammerhütte mitsamt den dazugehörigen Anlagen im weiteren Sinne auch einfach "Hammer" hieß. Die im Hammer Tätigen hießen Hammerschmiede oder Stahlschmiede (vgl. P. Fickeler 1952, S. 30/31).

Über Form, Lage und Maße des Siegerländer Hochofens schrieb Paul Fickeler 1952:

"Vor dem viereckigen Hochofen aus Bruchstein-Mauerwerk, dem sog. Klumpen, lag die Vorhütte, d.h. die Gießhalle, mit dem Eisenplatz. Seitlich davon trieb das Wasserrad das Balg-Gebläse in dem Gebläsehaus, der Balghütte aus Fachwerk, von wo aus der Gebläsewind durch eine Rohrleitung unter einem überwölbten Gang durch drei Öffnungen dem eigentlichen Schmelzofen innerhalb des Klumpens zugeführt wurde."

(ebda., S. 35)

Die Blashütte beschränkte sich im allgemeinen auf die Herstellung von Roheisen. Außer dem Roheisen stellten einige Hütten, wie zum Beispiel die Marienborner Eisenhütte, auch viel Gusswerk, d. h. fertige Eisengusswaren, her.

Die Entwicklung vom vorgeschichtlichen Windofen über den mittelalterlichen Gebläseofen, dem Rennfeuer und Stückofen, zum Hochofen der Wasserkraftzeit macht es sehr wahrscheinlich, dass das Siegerland die Heimat des Hochofens in Deutschland ist. Vom Siegerland aus ging der Siegeszug des Hochofens über den ganzen Erdball.