Der Siegerländer Wirtschaftsraum

Das Siegerland ist als die Wiege der deutschen Eisenindustrie anzusehen. Halden- und Schlackenfunde hatten schon seit langem auf das hohe Alter der eisengewinnenden Tätigkeit hingewiesen, aber die urkundliche Überlieferung setzte erst mit Ende des 13. Jahrhunderts ein. Bereits seit der Besiedlung des Siegerlandes um 500 v. Chr. (Früh-La-Tène-Zeit) wurde hier das manganreiche Erz durch keltische Urnenfelderleute abgebaut. Von dieser Zeit bis ins Mittelalter boten sich außerordentlich günstige geologische Verhältnisse. Der Wasser- und Holzreichtum erfüllte alle übrigen Voraussetzungen für das Entstehen eines bedeutsamen Hüttenwesens (vgl. T. Irle 1964, S. 19).

Hier wurde im 13. Jahrhundert wohl am frühesten in Deutschland die Wasserkraft durch Hütten und Hämmer in den Dienst der Eisengewinnung gestellt und der frühmittelalterliche Gebläseofen zum Hochofen entwickelt. Dieser ermöglichte wiederum den Eisenguß, der im Siegerland sehr wahrscheinlich erstmals in größerem Ausmaße in Deutschland geübt worden ist. Er bildete die Voraussetzung auch für den Walzenguß, den als erste im Siegerland die Gewerkenfamilie Irle in Marienborn im Jahre 1820 vorgenommen hat. Diesselbe Firma stellte 1842 auch die ersten Hartwalzen im Siegerland her. Seit dem 14. Jahrhundert hat dieses Eisenland aufgrund seines kalterblasenen Spezial-Roheisens den Walzenguß zu einer Besonderheit entwickelt (vgl. P. Fickeler 1952, S. 9).

Das Eisen hatte in der Früh-La-Tène-Zeit die ersten ständigen Siedler angelockt und sollte auch in der Folgezeit für die Formung der Landschaft und ihrer Bewohner bestimmend werden. Folgerichtig schrieb der nassau-oranische Bergrat Johann Philipp Becher um 1789:

"Der Eisenstein lockte und rufte die ersten Bewohner ins Land, das damals ein Dickicht, ein Wald war. Den Eisenstein suchte man, man fand ihn leicht. Er stand an vielen Orten zutage. Er ist das erste Motiv gewesen, daß die ersten Hütten dort aufgeschlagen worden sind."

Bergbau und Hüttenwesen kennzeichneten das Gesicht des Landes, keltische Eisenschmelzöfen wurden die ältesten Wahrzeichen Siegerländer Tätigkeit (vgl. T. Irle, 1964, S. 17).

Ebenso wichtig wie das Erz war der Wald, da erst Holz die Verhüttung ermöglichte und standortbestimmend wurde. Der Hauberg entstand. Diese für den Siegener Raum charakteristische Form des Niederwaldes gelangte in der Folgezeit nicht nur für die eisengewinnenden Gewerbezweige, sondern auch für Landwirtschaft und Lederindustrie zu größter Bedeutung. Das hierdurch gewonnene Produkt der jungen Eichen, die Lohe, lieferte die Gerbsäure; der mit Getreide eingesäte Waldboden schuf gute Bedingungen für die Viehhaltung.

In Verbindung mit den hochwertigen Erzeugnissen des Maschinenbaus und der übrigen Industriezweige hat sich das Siegerland, besonders im Zusammenhang mit der Haubergswirtschaft, bereits zu einem der eigenartigsten Industriegebiete Deutschlands entwickelt, zu einer Zeit als der heutige "Gigant an der Ruhr" noch lange Bauernland blieb.

Durch seine wirtschaftliche Geschlossenheit und frühere Abgeschlossenheit hat das Siegerland eine in Deutschland einzig dastehende geschichtliche Wirtschaftsharmonie entfaltet, die heute noch in gewandelter Form hochwertige Sonder- und Güte-Erzeugnisse von Weltruf produziert.

Diese geographische Abgeschlossenheit gegenüber den angrenzenden Gebieten hatte zur Folge, dass sich neben konfessionellen, volkskundlichen, politischen und sozialen Eigenheiten vor allem die einzigartige Wirtschaftsharmonie entwickeln konnte. Das Siegerland ist das Beispiel einer Wirtschaftslandschaft, in der Bergbau und Industrie, Land- und Forstwirtschaft, Wassernutzung und Forstwirtschaft zu allen Zeiten innig verflochten waren und jeder Wirtschaftszweig für sich allein völlig unverständlich bliebe (vgl. P. Fickeler 1954, S. 16).