Deuz im Siegerland

Deuz, idyllisch gelegen an den Ausläufern des Rothaargebirges am Zusammenfluss von Werthe und Sieg, hat heute rund 2000 Einwohner. Wunderschöne alte Fachwerkhäuser zeugen von der ehemals gebräuchlichen Bauweise dieser Region. Am 23. April des Jahres 1290 wird Deuz zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Nach diesem Dokument kaufte "die Witwe Lyse aus Dutze" dem "Herrn vom Hain" den "Zehnten" ab gegen Zahlung von "drei Malter Hafer".

Die Entdeckung eines Gräberfeldes am Ortsrand von Deuz beweist jedoch, dass bereits vor über 2500 Jahren Menschen in dieser Gegend gelebt haben.

Ein Dorf mit Geschichte

Der Name Deuz ist während der Germanisierung des Siegerlandes (200-400 v. Chr.) auf die ältere Form "Diut-issa" zurückzuführen, deren Endung -issa/-yssa eine in der ältesten Zeit oft gebrauchte Bachnamenendung enthält, die sich in zwei weiteren Namen des Siegerlandes wiederfindet: "Satissa" für Obersetzen und "Nubold-yssa" für Nauholz. In der Mundart hieß Nauholz "Nauelze" und Deuz "Ditze" (vgl. Böttger, S.19).

Diese Orte galten als besonders günstige Siedlungsstellen. Durch überhöhte Bergrücken waren sie gegen kalte und nasse Winde geschützt und nach Süden geöffnet, so dass sie den ganzen Tag Sonnenschein hatten. Quellwasser, Grasnutzung, Weide, Holz und eine verhältnismäßig gute Ackerlage, kurz alles, was der vorgeschichtliche Siedler für sich und sein Vieh brauchte, war ausreichend vorhanden.

In kurzer Zeit machten sich die Germanen zu Herren des gesamten Gebietes und leiteten die allmähliche Germanisierung des Siegerlandes seit etwa 400 v. Chr. ein. Mit den letzten germanischen Wellen kamen die Vorfahren der heutigen Hessen, die Chatten, und brachten neben anderem Kulturgut auch die heute noch im Siegerland vorhandenen Bachnamenendungen -pe, -fe (Dreispe, Leimpe, Benfe, Werthe, Netphe, Dielfe etc.) mit.

Der Name Deuz ist schwer zu erklären. Er läßt sich nicht von einem Gewässernamen ableiten wie Sieg oder Werthe. Im Laufe der Zeit hat sich die Schreibweise mehrfach verändert. Hauptlehrer Stötzel aus Deuz gibt die für Laien wohl verständlichste Erklärung, wonach das plattdeutsche "Dütze" mit dem Siegerländer Ausdruck "dotzen" für stoßen zusammenhängt, weil Sieg und Werthe hier zusammendotzen.

Die Dauerbesiedlung des Siegerlandes hat um 500 v. Chr. begonnen, als sich die ersten Bewohner in dem unwirtlichen Land niedergelassen und festgesetzt haben. Es bot ihnen nur spärlichen, wenig ertragreichen Ackerboden, denn dichter Laubwald bedeckte Berge und Hänge. Nur die hohen, schmalen und steinigen Randwasserscheiden werden einen lockeren Baumbestand getragen haben. Die Täler waren versumpft und mit Auenwald (Erlen, Weiden, Eichen) ausgefüllt, so dass nur in der trockenen Jahreszeit eine dürftige Grasnutzung möglich war. So war es nicht der Ackerbau, sondern das damals neue, in reichen Vorkommen wertvolle und begehrte Metall, das Eisenerz, das die Menschen in dem siedlungsfeindlichen Berg- und Waldland zum Bleiben veranlaßte. Sie wohnten nicht mehr in den Tälern, sondern auf kleinen Anhöhen, denn dort wehte genügend Wind für ihre Schmelzöfen. Auch die ersten Kohlenmeiler sind in dieser Gegend gebaut wurden.

Deuz, eines der schönsten Dörfer des Siegerlandes, liegt im oberen Siegtal, nicht weit entfernt von der Lahn- und Siegquelle und vom Lahnhof. Dieses Land der Werthe, die in Werthenbach entspringt, wurde nach Johann VIII. der Jüngere, Johannland genannt. Die Landschaft ist geprägt von schmalen Tälern und abgerundeten Bergen. Der höchste Berg von Deuz ist der rund 500 Meter hohe "Haferhain".

Die Entwicklung von Deuz vom kleinen landwirtschaftlich geprägten Dorf bis zum heutigen weltweit in der Metallindustrie bedeutenden Standort vollzog sich über mehr als 700 Jahre. Seine erste urkundliche Erwähnung findet Deuz im Siegener Urkundenbuch:

"Am 23. April 1290 verkauft Ritter Konrad von Hain an Lysa in Deuz, der Witwe des Wolmar, den Zehnten in Deuz als Lehn gegen eine auf das Schloß Hainchen zu liefernde Getreideabgabe".

Um 1300 erscheint "Dutze" im kirchlichen Abgabenverzeichnis an den Probst von Amöneburg. Immer wieder steht Deuz in den verschiedenen Landesarchiven und Urkundenbüchern, meist in Verbindung mit Abgaben und Verpfändungen an die Grafen.

An den Eintragungen konnte man erkennen, wieviele Einwohner und Höfe in Deuz verzeichnet waren. 1466 waren 13 bedepflichtige Personen aufgeführt. 1554 ist unter den herrschaftlichen Gütern im Netpher Gericht "Hof Deuz" mit 17 verschiedenen Besitzteilen erwähnt. 1650 lebten 63 evangelische und 7 katholische Bürger in Deuz. 1732 sind 40 Personen im Dienstregister eingetragen; 1758 gab es laut dem "Wiesenbuch der Gemeinde Deutzen", mit dem man die Besitztümer der Einwohner genauer bestimmen konnte, 37 Häuser in Deuz.

1796 marschierten die französischen Truppen in das Siegerland ein. Deuz blieb von dem Einmarsch verschont. Als im Jahre 1808 das Siegerland unter die kaiserliche Verwaltung Napoleons fiel, gehörte Deuz zum Sieg-Departement Arrondissement Siegen, Kanton Netphen, Mairie Irmgarteichen. Dieses Gemeindehaus bestand bis 1828. Zwischenzeitlich, in den Jahren 1813/14, war in Deuz die schlesische Armee einquartiert.

Ein großer Brand vernichtete im Jahre 1840 in der Niedermark viel Hauberg. Der Breitenbacher, Netpher und Deuzer Hauberg fiel den Flammen zum Opfer. Der Deuzer Hauberg entsprach einer Waldfläche von rund 320 Hektar, die sich in Laubwald (67,3%), Nadelwald (24,1%) und Nichtholzboden (8,6%) aufteilt und der Bevölkerung als auch der Industrie Brennholz für ihre Hausöfen sowie Schmelzöfen lieferte.

Mit dem Bau der Straße nach Netphen 1854/55 sowie der Deuz-Siegener und der Deuz-Dillenburger Straße 1861/62 wurde die Verkehrslage der Ortschaft erheblich verbessert. Das aus dem Nassauischen Land herangeschaffte Eisen gelangte über Deuz auf den neuen Verkehrswegen weiter nach Weidenau.

Auch innerhalb der Deuzer Gemeinde kamen weitere Anlagen und öffentliche Einrichtungen hinzu. Im Jahre 1850 erhielt die Gemeinde eine neue Friedhofsanlage, auf der [...später noch eine Kapelle] errichtet wurde. 1876 bekam Deuz nach langer Verhandlung endlich eine Postagentur. Die Telegraphenleitung von Weidenau war bereits vorhanden; eine Telefonleitung von Siegen über Feuersbach erreichte Deuz dann um 1900.

Eine weitere Verbesserung der Verkehrswege erfolgte im Jahre 1906 mit dem Bau der Kleinbahn Weidenau-Deuz. Sie wurde während des ersten Weltkrieges noch einmal erweitert und diente der Industrie im oberen Siegtal als wichtiges Transportmittel. Dieser Kleinbahn und der ansässigen Industrie verdankt Deuz seine Entwicklung. So sorgte die alte Mahlmühle, die von der Firma Irle zur Kraftstation umgebaut wurde, dafür, dass die Gemeinde Deuz als eine der ersten im Siegerland mit elektrischem Strom versorgt wurde. Die Beleuchtungsanlage des Ortes, seit 1893 noch mit Öl und ab 1906 elektrisch betrieben, erfuhr 1957 mit 150 neuen Breitstrahlern eine großzügige Modernisierung.

Wegen seiner günstigen Lage wurde Deuz zur ersten Industriegemeinde des ehemaligen Amtes Netphen. Entscheidend dazu beigetragen hat die Verlegung der Eisengießerei Irle von Kaan-Marienborn nach Deuz im Jahre 1848. Die zahlreichen mittleren Gewerbe- und Handwerksbetriebe gaben der Gemeinde Deuz seine Infrastruktur und somit eine Mittelpunktsfunktion für das obere Siegtal. Da mehrere Familienmitglieder in den ortsansässigen Industriebetrieben beschäftigt waren und nebenher Landwirtschaft betrieben und dadurch mit Produkten aus dem heimischen Anbau gut versorgt waren, war ein gewisser Wohlstand der Gemeinde vorhanden.

Mit der unaufhaltsamen Entwicklung der Gemeinde Deuz stieg auch die Bevölkerungszahl sprunghaft an: während 1910 noch 469 Personen in Deuz wohnten, waren es 1940 bereits 800 und 1945 rund 1600, davon 1060 evangelische und etwa 450 katholische Bürger.

Die Beschäftigung der Deuzer Bevölkerung bestand bis Mitte des 19. Jahrhunderts in der Leinweberei. In Heimarbeit wurde am Webstuhl, ein bis zwei Exemplare waren in jedem Haushalt vorhanden, aus selbstgesponnenem Flachs Leinen gewebt und in Tisch- und Handtücher Muster eingewebt. 1864 schufen die Gebrüder Jung mit ihrer Regulator-Uhrenfabrik einen neuen Industriezweig, der aber bereits 1893 unter dem Laaspher Fabrikanten Gustav Hammer endgültig in Konkurs ging. Das Werk an der Grissenbacher Straße ging an die Firma Wilhelm Flender, der darin als weiteren Industriezweig eine Blechwarenfabrikation betrieb.

Bevor sich die Uhrenfabrik in Deuz ansiedelte, hatte schon ein anderer Betrieb an den Ortsausgängen seine Produktion aufgenommen: die Walzengießerei und -dreherei Hermann Irle GmbH, Deuz. Aus ganz kleinen Anfängen entwickelte sich eine der größten Werkstätten Europas für die Herstellung und Weiterverarbeitung von Walzen aller Art. Zusammen mit der Blechwarenfabrik Wilhelm Flender, deren Anfänge auf das Jahr 1762 zurückgehen, und der Maschinenfabrik Martin Heitze, die 1938 gegründet wurde, bildeten sie die Grundlage für den Wohlstand der Gemeinde Deuz. Über Jahrzehnte versorgten diese drei Industrieunternehmen die Deuzer Bevölkerung mit Arbeitsplätzen, Wohnraum und großzügigen Sozialleistungen.